Wofür braucht man eigentlich Gartenbauunterricht?

Seit zwei Jahren bin ich nun Gartenbaulehrer an unserer Schule und ich werde im Unterricht immer wieder mit der Frage konfrontiert: Wofür braucht man eigentlich Gartenbauunterricht? Ich will doch gar kein Gärtner werden. Der Gartenbauunterricht scheint aus Sicht der Schüler so gar nicht zu passen ins digitale Zeitalter von Apple und Facebook und auch bei einigen Eltern habe ich den Eindruck, dass Gartenbau zwar als sinnvoller Ausgleich zum stressigen Schulalltag geschätzt wird, aber in seiner Bedeutung letztendlich doch weit hinter den wichtigen Schulfächern Mathematik, Deutsch oder Englisch zurücksteht. Manche sehen ihn vielleicht sogar als Relikt aus längst vergangenen Zeiten.

Ich hingegen bin davon überzeugt, dass der Gartenbauunterricht aus ganz unterschiedlichen Gründen sowohl für die motorische als auch die geistig-seelische Entwicklung der Kinder und Jugendlichen von immenser Bedeutung ist und zwar heute mehr denn je.

Bei der Gartenarbeit lernen die Kinder ihren Körper sinnvoll einzusetzen, sie erfahren, wie durch ihre Hände Arbeit die Natur in Kultur verwandelt wird und zwar auf die gleiche Weise wie es unsere Vorfahren seit Jahrtausenden tun, um ihre Ernährung sicher zu stellen. Dabei stärken sie ihre Muskeln und fördern ihre koordinativen Fähigkeiten im Umgang mit Spaten und Hacke. Sie lernen konsequent und ausdauernd an einem Projekt zu arbeiten. Die junge Kohlrabi-Pflanze verzeiht es nicht, wenn sie auch nur eine Woche nicht gegossen wird; die welken Blätter zeigen unmissverständlich an, dass die Arbeit des Gärtners nicht sorgfältig genug war; der Kohlrabi selbst wird gewissermaßen zum Lehrer, der den Takt vorgibt und die Schüler müssen lernen, die Signale der Natur zu verstehen und entsprechend darauf zu reagieren. Dabei erleiden sie immer wieder Rückschläge: mühevoll aufgezogene Pflanzen, die über Nacht von Schnecken gefressen werden oder der Hagel, der den Weizen zu Boden drückt. Auch das gehört zu den wichtigen Erfahrungen im Gartenbau. Am Ende steht dann aber doch immer das glückliche Gefühl, etwas zu ernten, was man selbst angebaut hat; zu wissen, dass die Kartoffeln unter der Erde wachsen ist das Eine, das Andere ist, sie eigenhändig auszugraben und dabei festzustellen, dass es riesengroße und mickrig kleine Kartoffeln gibt, wie man sie noch in keinem Supermarkt zuvor gesehen hat. Darüber hinaus ist unser Garten perfekt geeignet als interdisziplinäres Forschungslabor. Hier können wir zusammenführen, was getrennt in den unterschiedlichen Schulfächern unterrichtet wird: Was ist Photosynthese? Wie viel Gelierzucker brauche ich, um mit 650g Brombeeren Marmelade zu kochen? Wie unterscheidet sich ein Lehmboden von einem Sandboden? Welche ästhetischen Gesetzmäßigkeiten sollte man bei der Gestaltung eines Gartens berücksichtigen?

Dies sind nur einige Fragen, die zeigen wie vielfältig Gartenbauunterricht sein kann und dass die Schüler vieles von dem was sie im Garten anschaulich erlebt und beobachtet haben in zukünftige Epochen mitnehmen können.

Ich finde wir sollten gemeinsam daran arbeiten, dem Gartenbauunterricht an unserer Schule wieder den Stellenwert zu verschaffen, der ihm gemäß der Waldorfpädagogik eigentlich zusteht. Unser neues Gartenbauhaus wird ein erster wichtiger Schritt in dieser Richtung sein.

Jochen Just (Gartenbaulehrer)

Was denken Eltern über den Gartenbauunterricht

„Mich freut, dass die Schüler lernen, dass es Mühe ist sich ausdauernd um Kleinigkeiten zu kümmern, erst dann kann Großes und qualitativ Gutes daraus werden. Wertschätzung und Ausdauer, denke ich, kann im Gartenbau gut transportiert werden.

Kein anderes Fach lehrt den nötigen Respekt vor der Natur mit so viel Spass und nachhaltig mit einer Erkenntnis, die aber wohl erst nach der achten Klasse ins Bewusstsein tritt ;-) Mein insgeheimer Berufstraum/ Erziehungsidee und förderlich wäre, wenn einer meiner Jungs später etwas gutes für unsere Umwelt beisteuern könnte. Für mich ist Gartenarbeit auch entspannend und dieses kommt auch den Kindern zu Gute; sich in den Gedanken verlieren, frei fühlen – Seele baumeln lassen.“

Synke Schlüter (7., 3. und 2. Klasse)

„Gerade auch wegen des Gartenbauunterrichts empfinden wir die Ausbildung an unserer Schule als ganzheitlich. Wo anderenorts Kinder nicht früh genug mit Tablets ausgerüstet werden, rekapituliert hier die Entwicklung der Kinder die der Menschheitsgeschichte in angemessener natürlicher und kindgerechter Reihenfolge. Dazu gehört das Wissen, auch wenn „Tiefkühlkost heute beim fernsehen nebenbei verdrückt wird“, wie sich die Menschen die letzten tausende von Jahren, als sie sich noch nicht so sehr von der Natur entfremdet hatten, versorgten und ernährten. Das ist für uns grundlegend und zukunftsweisend zugleich. (Mit Lebensmittelaktien handeln kann man dann später immer noch lernen.)

Der Gartenbauunterricht funktioniert zu einem Teil mühelos auch von selbst, durch das wundervolle, fruchtragende, natürliche Gelände, auf dem unsere Kinder ihre Pausen verbringen dürfen. Die Gartenbau-Epochen kommen dazu immer wieder wie gerufen, um die Kinder zu erden. Danke Gartenbau! Viva Gartenbau!“

Elke und Dirk Albers (7., 4. und 2. Klasse)

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