Elektronische Medien und Waldorfpädagogik … eine ständig neue Herausforderung

Schon immer war das Verhältnis der Waldorfpädagogik zu den elektronischen Medien ein bewusst Kritisches. Im Hinblick auf Fernsehen für kleine Kinder hat sich daran bis heute nicht viel geändert.

Viel schwieriger und differenzierter zu betrachten ist der adäquate und vor allem altersgemäße Umgang mit den modernen Medien, insbesondere mit den heute so allgegenwärtigen Smartphones. Deren Einsatz ist heute so vielfältig und umfassend, dass ein großer Teil unserer Lebenswelt davon betroffen ist. So kann es hier einerseits nicht mehr um eine generelle Ablehnung gehen, andererseits haben gerade die Smartphones ein hohes Suchtpotential und können im Sinne einer Verfrühung und Überforderung bei jungen Kindern bleibenden Schaden anrichten, etwa durch versehentliches Aufrufen pornographischer oder gewaltverherrlichender Seiten, vor allem aber auch durch eine ständige Unterbrechung der Aufmerksamkeit und Konzentration und damit einer Zersplitterung des Bewusstseins. Eine Studie des Smartphone-Herstellers Nokia fand heraus, dass junge Menschen täglich im Schnitt 150 Mal ihr Smartphone gebrauchen. Weitere Studien belegen, dass die tägliche Nutzungszeit des Smartphones über vier Stunden liegt und dieser häufige Gebrauch mit einer signifikant schlechteren Leistung in der Schule bzw. im Studium und einer geringeren Lebenszufriedenheit einhergeht (Spitzer, „Smartphones“ in Nervenheilkunde 1-2/2014).

Noch stärker als in anderen pädagogischen Konzepten liegt in der Waldorfpädagogik der Fokus auf einer im umfassenden Sinne altersgemäßen Pädagogik. Das bedeutet, dass sämtliche Lern- und Erziehungsinhalte in enger Korrespondenz zur jeweiligen kindlichen Entwicklung stehen. So ist einerseits der Lehrplan auf die jeweiligen Entwicklungsschritte der Kinder zugeschnitten, aber auch die Art der Ansprache ändert sich im Laufe der Entwicklung kontinuierlich vom anfangs ganz Bildhaftem in der Unterstufe immer stärker hin zum Logisch-Abstrakten etwa ab der Pubertät.

Für die ersten Lebensjahre ist dabei ganz entscheidend, dass zwar bereits alle Nervenzellen bei der Geburt angelegt sind, dass aber erst danach eine Ausreifung (Synapsenbildung, Myelinisierung) erfolgen kann und dadurch das Gehirn sein wirkliches Potenzial entwickelt. Das gelingt umso besser, je sicherer die Bindung zu mindestens einer Bezugsperson und je vielfältiger und differenzierter die Anregung der Sinnes- und Bewegungsentwicklung erfolgt. Insofern ist verständlich, dass im noch besonders bildsamen Gehirn des kleinen Kindes Schäden durch inadäquate Beanspruchung besonders gravierend sind. Das Gehirn wird bereits in der Phase seiner Entwicklung gestört und damit eine optimale Ausreifung früh behindert. Die kleinen Kinder lernen dann nicht mehr vom Erwachsenen oder älteren Kind im Sinne von Vorbild und Nachahmung selbst aktiv weltgestaltend tätig zu werden, sondern werden zu passiv Konsumierenden erzogen. Eine fehlende Aktivität heißt aber auch gleichzeitig eine fehlende Ausgestaltung der Vernetzung aller Gehirnzellen und damit eingeschränktere, langsamere Denkprozesse.

In diesem Zusammenhang entwickelte Paula Bleckmann, Professorin für Medienpädagogik in Alfter, die wir auf einem Schulforum an unserer Schule vor zwei Jahren kennenlernen konnten, ihren „Medienmündigkeitsturm“: Zuerst müssen sich die Kinder Fähigkeiten und Sicherheit im realen Leben erwerben, bevor sie auf dieser Grundlage den qualifizierten Umgang mit Medien erlernen können. Dieser Erwerb von Fähigkeiten bezieht sich auf Wahrnehmungs- und Bewegungsschulung ebenso wie auf das Erlernen einer differenzierten Sprache, von Kommunikationsvermögen und Lesekompetenz. Auch ein gesundes Sozialverhalten kann nur im realen Leben erlernt werden.

Dem gegenüber steht die Entwicklung, dass die Nutzer von Smartphones immer jünger werden und mittlerweile schon viele Kinder ein Smartphone zur Einschulung bekommen (Spitzer, Smart Sheriff gegen Smobies, Nervenheilkunde 3/2016).

Gerade im Hinblick auf Sprache, auf Vorlesen, Erzählen und Selbstlesen kennen sicher viele von uns das Phänomen, dass wir in uns selbst, in unserer Phantasie zu allem, was wir gehört oder gelesen haben, Bilder entwickeln. Als Kinder konnten wir das noch sehr viel farbiger und besser, aber auch als Erwachsene sind wir dazu durchaus in der Lage. Sehen wir dann einen Film zu dem, was wir vorher nur gehört oder gelesen hatten, sind wir oft enttäuscht. Ab jetzt sind die Bilder in unserem Bewusstsein genau in der Form fixiert, wie wir sie im Film gesehen haben. Unser Bewusstsein ist dadurch besetzt und unfrei. Wir können das gut erkennen, wenn Kinder in ihren Zeichnungen immer wieder völlig identische Gestalten auftreten lassen, z.B. wenn sie Star Wars-Filme gesehen haben.

Diese Frage der inneren Bilder oder geistigen Urbilder, die wir suchen, nach denen wir streben und die wir in unserer Phantasie immer wieder neu entstehen lassen können, ist vielleicht die allerwichtigste im Zusammenhang mit Medien und Kindern. Wenn wir dieses Suchen und Neuschaffen durch ein Überangebot künstlicher Bilder zum Erliegen kommen lassen, wirkt das tödlich auf die Phantasie, auf die kindliche Kreativität und auf ihren Wunsch und ihr Streben nach Spiritualität. Sie bekommen im übertragenen Sinne „Steine statt Brot“. Je jünger die Kinder sind, umso schwerwiegender ist diese Korrumpierung ihrer inneren Bilder, denn speziell im ersten Jahrsiebt erleben die Kinder sich noch intensiv mit der göttlich-geistigen Welt verbunden. Erst ab dem neunten bis zehnten Lebensjahr verbinden sie sich zunehmend mit der Erde, weshalb ja im Waldorflehrplan in diesem Alter die Epochen Ackerbau und Hausbau auftauchen und von Rittern und Helden erzählt wird. So erklärt sich, weshalb wir die frühe Mediennutzung, also vor dem Alter von ca. zehn bis zwölf Jahren, so vehement verhindern wollen. „Umfassende Medienkompetenz wurzelt in früher Medienabstinenz“ sind die Schlagworte, mit denen Paula Bleckmann diese Haltung beschreibt. Da diese Einsicht noch nicht flächendeckend verbreitet ist, belegen derzeitige Studien des amerikanischen Medizinerverbands, dass nach Abschluss der Grundschule ein Kind mehr als 8000 Morde und 100.000 Gewalttaten in den Medien gesehen hat, viele davon in den als Kindersendung ausgewiesenen Filmen (Prof. Dr. Buddemeier, Medien und Gewalt; Menon-Verlag 2012). Auch für Deutschland sind ganz ähnliche, erschreckend hohe Zahlen belegt. Wenn man bedenkt, dass alles in unserem Frontalgehirn sogenannte „Trampelpfade“ - wie Spitzer sie nennt - hinterlässt, sind die Folgen kaum auszudenken.

Es ist beispielsweise auch belegt, dass Fernsehkonsum in der frühen Kindheit zu vermehrtem Auftreten von Aufmerksamkeitsstörungen im Schulalter führt, da die Selbstkontrolle vermindert wird. Diese kann in gleichem Maße durch das Zeichnen verbessert werden (Spitzer, Digitale Demenz, S. 259).

Ein weiterer Gesichtspunkt, der im Umgang mit den modernen Medien eine große Rolle spielt, ist das Thema Zeit. Werden Kinder zwischen acht und zehn Jahren gefragt, was sie am liebsten tun wollen, so antworten sie: Draußen spielen, sich mit Freunden treffen, etwas mit der Familie unternehmen. Tatsächlich verbringen sie aber den größten Teil ihrer Freizeit mit Computer und Fernseher. Medien sind für die heutigen Kinder ein gewaltiger „Zeitfresser“.

Gerade wenn man im Sinne von Andreas Neider den Begriff „Medienbalance“ ernst nimmt und seine Kinder so erzieht, dass sie eigene Interessen entwickeln können, dass sie nicht nur zum freien Spielen, sondern auch zum Musizieren, zum Sport, zu Handwerk, Kunst und Handarbeit angeregt werden, sind die Tage gut gefüllt und für übermäßige Mediennutzung bleibt keine Zeit. Auch sind die Kinder seelisch angeregt und ihr Erlebnishunger gestillt. Nach unserer Erfahrung ist diese Frage, ob genügend Weltinteresse, genügend eigene Aktivitäten und Hobbies geübt und gepflegt werden, ganz zentral als Schutz vor Online-Sucht.

Um all das bisher Ausgeführte zu berücksichtigen und uns gleichzeitig den neuen Medien gegenüber nicht zu verschließen, stehen wir als Schule immer wieder neu vor der Aufgabe, den konkreten Umgang mit den elektronischen Medien im Kollegium, mit der Schülerschaft und auf Elternabenden ins Bewusstsein zu nehmen. Nur wenn Eltern und Schule an einem Strang ziehen, kann eine gute Medienerziehung gelingen. Die Schüler erwarten von uns, dass wir als Erwachsene Stellung beziehen.

Konkret heißt das zum jetzigen Zeitpunkt für den Umgang mit Medien an unserer Schule:

Wir wünschen uns einen differenzierten und altersgemäßen Umgang mit Medien im Sinne von früher Medienabstinenz, um später eine gute Medienkompetenz auf einer kräftigen und gesunden Fähigkeiten-Basis im realen Leben erwerben zu können.

Das bedeutet, dass unsere Schule eine handyfreie Schule sein soll, denn Erwachsene und ältere Schüler sind Vorbilder für die Jüngsten. Das heißt auch, dass bei Schulveranstaltungen wie Schulfeiern oder Klassenspielen generell alle mobilen Geräte auszuschalten sind. Die Schule übernimmt zuverlässig die Aufgabe, dafür zu sorgen, dass die Veranstaltungen aufgenommen und die Aufnahmen auf Wunsch zur Verfügung gestellt werden.

In den ersten Schuljahren (Kl. 1 bis 6) sehen wir die direkte Medien­erziehung im Unterrichtsgeschehen selbst. Die Kinder sollen in diesem Alter ganz bewusst Lesen und Recherchieren in Büchern und Schreiben in Druck- und Schreibschrift sicher erlernen. Ab Klasse 7 erlernen sie das Recherchieren mit Suchmaschinen, möglichst auch das Schreiben mit 10 Fingern und vor allem in den Klassen neun und zehn im CT-Unterricht die sinnvolle Nutzung des Computers.

Wird in einer Oberstufen-Projektarbeit ein Film oder ein Musikstück mit Hilfe moderner Medien erstellt, ist das ebenso in unserem Sinne wie eine gute PowerPoint-Präsentation bei einem Referat. Hier geht es um bewusst kreative und sinnvolle Nutzung der modernen Medien, zu der wir unsere Oberstufenschüler durchaus ermuntern wollen.

Unser Wunsch ist es, dass es uns gelingen möge, als Waldorfschulgemeinschaft bei diesem brisanten Thema in einem offenen Dialog zu bleiben mit der Bereitschaft, unsere Haltung immer wieder neu zu überprüfen und zu hinterfragen, ohne dabei unser Ziel, die Kinder zu einer größtmöglichen körperlichen, seelischen und geistigen Gesundheit zu erziehen, aus dem Auge zu verlieren.

Das Jugendwort des Jahres 2015 – Smombie, die Zusammensetzung aus SMartphone und zOMBIE (seiner Seele beraubter willenloser Mensch) – trifft die Gefahr genau: eine Schwächung des Willens, der eigenen Aktion und der eigenen Autonomie – das Selbstsein (Spitzer, Smart Sheriff gegen Smombies). Diesem wollen wir – Schule und Elternhäuser – gemeinsam etwas entgegensetzen.

Literaturempfehlungen

  • Paula Bleckmann: „Medienmündig“
  • Edwin Hübner: „Medien und Pädagogik“
  • Andreas Neider (Herausgeber): „Flucht in virtuelle Welten“, „Medienbalance“, „Aufmerksamkeitsdefizite“
  • Manfred Spitzer: „Digitale Demenz“
  • Mathias Wais: „Suchtprävention beginnt im Kindesalter“

R. Karutz und Chr. Ast für den Arbeitskreis Suchtprävention.