Ein Rückblick

Frühlingserwachen - das Zwölftklassspiel 2017

Frühlingserwachen, Wedekind, Aufführung Freie Waldorfschule Köln 12. Klasse

Schweigend sitzen wir hier, rutschen unruhig auf unseren Stühlen herum, versuchen den Blick auf der Tafel zu halten, zuzuhören und zählen die Minuten... Konzentration für den Unterricht aufzubringen fällt schwer. Immer wieder huscht der Blick zu dem großen Plakat herüber, das rechts an der Wand hängt, und während die Stimme des Lehrers immer leiser wird, wandern die Gedanken wieder zurück.

Zurück zur ersten Theaterstunde mit Lena, in der wir alle im Kreis auf der Bühne standen, unsicher, unwissend was kommt, noch so fern vom Theaterspielen. Zurück zu den verschiedenen Stückvorschlägen, zum ersten Ausprobieren, zum ersten Bewusstsein für die Bühne und das Publikum. Die anfängliche Unsicherheit schwang schnell in aufgeregten Tatendrang um, vor allem, als das Stück gewählt, die Rollen verteilt und die Arbeitsgruppen zusammengestellt waren.

Während jeder seiner eigenen Rolle immer näher kam, Text gestrichen und Szenen um- und neugeschrieben wurden, wurde einem bewusst, wie viel Arbeit hinter der Umsetzung eines Theaterstückes wirklich steckt. Die Aufgaben schienen endlos, und hatte man eine bewältigt, stand die nächste unmittelbar vor einem. Die Arbeiten liefen parallel zu den Proben und dabei ging es manchmal drunter und drüber: auf der Bühne wurden Requisiten zurecht gerückt, das Licht ging an und aus, erste Kostüme wurden präsentiert und mussten von Lena abgewunken werden. Währenddessen wurde geprobt, doch das ganze Gewusel und der Ansturm an Fragen, der minütlich auf Lena zukam, mussten nebenher auch bewältigt werden, sonst kam man an einer anderen Stelle nicht weiter. Es war beeindruckend, hautnah mitbekommen zu können, wie das Stück reifte und mehr und mehr an Festigkeit gewann, während die vielen einzelnen Teile, einem Puzzle ähnelnd, zusammengesetzt und das Ergebnis herausbildet wurde. Bei den Intensivproben nahm das Entwerfen, Durchspielen und Ausarbeiten der Szenen die meiste Zeit in Anspruch.

Die Probenpläne waren dabei nur eine vage Richtlinie; pünktlich angefangen wurde selten, es wurde hin und her getauscht und verschoben und verlängert, denn jede Szene sollte die Zeit bekommen, die sie brauchte. Merkwürdig war, dass jegliches Zeitgefühl verloren ging, sobald die schwere Tür der Aula hinter einem ins Schloss fiel. Oft war man stundenlang in der Schule, war überrascht, wenn sie komplett verlassen war, wenn man die Bühnenräume verließ. Vor allem die Stückdurchläufe, kurz vor den Aufführungen, raubten besonders viel Zeit und Energie. Das Spielen sog so viel Kraft aus einem heraus, dass man Mühe hatte bei der Nachbesprechung, die sich oft bis spät in den Abend zog, die Augen offen zu halten und die nötige Aufmerksamkeit aufzubringen. Doch genau dieser Einsatz, alles, was man in das Stück hineingegeben hatte, ließ es letztendlich so werden, wie es bei den Aufführungen zu sehen und zu erleben war.

Dann vor Publikum zu gehen, sich endlich Reaktionen zu holen, Rückmeldungen, zu präsentieren, worauf man wochenlang hingearbeitet hatte, hat unglaublich viel Freude bereitet. Was wir an Erfahrungen mitgenommen haben und wie viel Neues wir an uns selbst und an unseren Mitschülern entdeckt haben, ist unersetzbar. Unsere Klasse ist an dieser sehr aufregenden, intensiven Arbeit gewachsen; wir sind noch enger zusammengerückt.

Und jetzt sitzen wir wieder hier, scheinen in einer Art Leere festzuhängen und schleudern Zitate aus dem Stück quer durch den Raum, wann immer es geht, nutzen jede Gelegenheit, um in den Erinnerungen zu schwelgen. Es ist seltsam, auf der Bühne zu stehen, ohne Requisiten, ohne Lena, und die letzten Stangen des Gerüstes wegzutragen, um so Platz für Neues zu schaffen. Drei Wochen waren wir ununterbrochen dort. Nun den Weg freizugeben, tut auch ein bisschen weh. Die Zeit war toll und die Arbeit, die wir in das Stück hineingesteckt haben und die (verglichen mit der jetzigen) doch sehr angenehm war, hat sich auf jeden Fall gelohnt, denn ,,man fühlt sich, wenn man seiner Natur etwas abgerungen!" (Moritz).

Emily Zimmermann, Im Namen der Klasse 12

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